Usability Engineering für Medizinprodukte nach IEC 62366-1: Der Praxisguide aus der Designpraxis

Usability Engineering nach IEC 62366-1 praktisch umsetzen: Prozess, Use Specification, Evaluation und Usability Engineering File aus der Designpraxis.

Usability Engineering

für Medizinprodukte nach IEC 62366-1: Der Praxisguide

Die drei Ausbaustufen VIVOS CORE, NOVA und NOVA+ nebeneinander auf ihren Rollwagen

Über Zulassung und Markterfolg eines Medizinprodukts entscheidet nicht allein die Technik. Es entscheidet, wie sicher und intuitiv Menschen das Produkt bedienen können.

Usability Engineering nach IEC 62366-1 ist der Prozess, der genau das systematisch absichert. Wer ihn als Compliance-Anhängsel behandelt, produziert Schleifen in der Zulassung. Wer ihn von Anfang an in den Designprozess integriert, kommt schneller, sicherer und mit dem besseren Produkt auf den Markt. Dieser Praxisguide zeigt, wie das gelingt, aus der Perspektive von über 300 realisierten Serienprodukten, viele davon in der Medizintechnik.

Das Wichtigste in Kürze

Die IEC 62366-1 fordert einen dokumentierten Usability-Engineering-Prozess für jedes Medizinprodukt mit Benutzerschnittstelle: von der Use Specification bis zur summativen Evaluation.

Usability Engineering ist kein nachgelagerter Prüfschritt, sondern integraler Teil guten Produktdesigns. Früh integriert, spart es Korrekturschleifen in der Zulassung und senkt das Risiko teurer Designänderungen kurz vor Markteintritt.

Die FDA-Guidance empfiehlt für die summative Validierung mindestens 15 Probanden pro Nutzergruppe; formative Tests kommen mit fünf bis acht Teilnehmenden pro Iteration aus. Das Usability Engineering File ist keine Bürokratie, sondern das Logbuch nutzerzentrierter Entwicklung. Pragmatisch strukturiert, entsteht es während der Entwicklung mit.

Dieser Praxisguide ist der erste Beitrag unseres Wissens-Hubs zu Medical Usability und Regulation. Die Folgebeiträge zu formativer und summativer Evaluation sowie zu Human Factors vertiefen einzelne Schritte.

Was die IEC 62366-1 regelt und für wen sie gilt

Die IEC 62366-1 in der aktuellen Fassung 62366-1:2015 inklusive Änderung A1:2020 beschreibt, wie Hersteller die Gebrauchstauglichkeit eines Medizinprodukts systematisch entwickeln, bewerten und dokumentieren. Im Kern geht es um eine Frage: Können die vorgesehenen Anwender das Produkt in der vorgesehenen Nutzungsumgebung sicher und effektiv bedienen, auch unter Stress, Zeitdruck und in der Routine des klinischen Alltags?

Die Norm gilt für praktisch alle Medizinprodukte mit einer Benutzerschnittstelle, vom Handinstrument bis zum komplexen System. Sie ist der anerkannte Stand der Technik für Usability Engineering und die maßgebliche Referenz, an der sich auch Benannte Stellen orientieren. Ein wichtiger Hinweis für die Praxis: Anders als etwa die ISO 14971 oder die ISO 13485 ist die EN 62366-1 derzeit nicht durchgängig im EU-Amtsblatt als unter der MDR harmonisierte Norm gelistet. Ihre Anwendung begründet damit nicht automatisch die volle Konformitätsvermutung; sie bleibt aber der erwartete Stand der Technik, dessen Einhaltung Hersteller nachweisen sollten. Hinzu kommt: MDR und IVDR stellen an einzelnen Stellen Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit, die über die Norm hinausgehen. Wer nur die Norm abarbeitet, hat die Regulatorik also noch nicht vollständig abgedeckt, ein Grund mehr, Gebrauchstauglichkeit nicht als Checkliste, sondern als Entwicklungsprinzip zu verstehen.

Für die Praxis heißt das: Entwicklungsleiter und Produktmanager brauchen keinen Normexperten im stillen Kämmerlein, sondern einen Prozess, in dem Design, Engineering und Regulatorik dieselbe Sprache sprechen. Wie eine durchdachte Mensch-Maschine-Schnittstelle dabei zum Wettbewerbsvorteil wird, haben wir bereits im Beitrag Medical Design unter der MDR beschrieben.

Frontansicht des Brainlab Buzz OP-Monitors mit dargestellter Oberfläche

Der Usability-Engineering-Prozess Schritt für Schritt

Die Norm beschreibt keinen starren Ablauf, aber eine klare Logik. Vier Arbeitsschritte tragen den Prozess:

Use Specification erstellen

Am Anfang steht die Frage: Wer nutzt das Produkt, wofür, wo und unter welchen Bedingungen? Die Use Specification beschreibt die vorgesehene medizinische Zweckbestimmung, die Nutzergruppen mit ihren Eigenschaften (Qualifikation, körperliche Voraussetzungen, Erfahrungsstand), die Nutzungsumgebung und die wesentlichen Bedienszenarien. Sie ist das Fundament für alles Weitere und in der Praxis das Dokument, das am häufigsten zu spät oder zu oberflächlich entsteht. Unsere Empfehlung aus der Designpraxis: Die Use Specification entsteht nicht am Schreibtisch, sondern aus Beobachtung. Methoden dafür beschreibt unser Beitrag zu Design Research und Nutzerforschung.

Gefährdungsbezogene Nutzungsszenarien identifizieren

Aus der Use Specification leiten sich die Szenarien ab, in denen Bedienfehler zu Schaden führen können. Hier verzahnt sich Usability Engineering mit dem Risikomanagement nach ISO 14971: Welche Benutzungsfehler sind denkbar? Welche davon haben sicherheitsrelevante Folgen? Diese gefährdungsbezogenen Nutzungsszenarien sind später die Pflichtinhalte der summativen Evaluation.

User Interface Specification ableiten

Erst jetzt wird gestaltet, und zwar gegen klare Anforderungen. Die User Interface Specification übersetzt die Erkenntnisse in konkrete Vorgaben für Hardware und Software: Anordnung und Unterscheidbarkeit von Bedienelementen, Lesbarkeit von Anzeigen, Rückmeldungen des Systems, Schutz vor Fehlbedienung. Gutes Medical Design beantwortet diese Fragen nicht nachträglich, sondern macht sie zum Gestaltungsauftrag.

Evaluation planen

Der Evaluationsplan legt fest, was wann mit wem getestet wird: formative Tests entwicklungsbegleitend, die summative Evaluation als abschließenden Nachweis. Wer die Planung früh aufsetzt, vermeidet den klassischen Fehler, am Ende der Entwicklung erstmals echte Anwender vor das Produkt zu setzen.

Formativ und summativ: zwei Evaluationen, zwei Aufgaben

Formative Evaluationen begleiten die Entwicklung. Sie sind klein, schnell und dürfen scheitern, genau dafür sind sie da: Schwächen finden, solange Änderungen noch günstig sind. Die summative Evaluation steht am Ende. Sie weist mit dem fertigen Design nach, dass die gefährdungsbezogenen Nutzungsszenarien sicher beherrscht werden, und ist Bestandteil der Zulassungsdokumentation.

In der Praxis entscheidet die Qualität der formativen Arbeit über den Ausgang der summativen: Wer iterativ mit Anwendern getestet hat, erlebt im Validierungstest selten Überraschungen. Welche Testform wann die richtige ist und wie sich beide methodisch unterscheiden, vertiefen wir als eigenen Beitrag in unserem Wissens-Hub zu Medical Usability und Regulation, zu dem auch dieser Praxisguide gehört.

Wie viele Probanden braucht eine summative Evaluation? Die 15er-Faustregel, richtig eingeordnet

Die Human-Factors-Guidance der FDA empfiehlt für die Validierung mindestens 15 Probanden pro eigenständiger Nutzergruppe. Die IEC 62366-1 selbst schreibt keine Mindeststichprobe vor; die 15 sind eine FDA-Empfehlung, die in der Praxis auch von europäischen Benannten Stellen als Orientierung akzeptiert wird. Bedient ein Produkt etwa Chirurgen und OP-Pflegekräfte mit unterschiedlichen Aufgaben, sind das zwei Gruppen, also mindestens 30 Teilnehmende.

Wichtig ist die Einordnung: Die 15 sind kein statistischer Signifikanznachweis, sondern ein Erfahrungswert, ab dem sich wiederkehrende Bedienprobleme zuverlässig zeigen. Und sie gelten für die summative Evaluation. Formative Tests kommen mit deutlich weniger Teilnehmenden aus, fünf bis acht Anwender pro Iteration decken die gravierenden Probleme in der Regel auf. Wer das Budget für eine große Endvalidierung hat, aber an formativen Tests spart, optimiert an der falschen Stelle.

Schema des Usability-Engineering-Prozesses nach IEC 62366-1: von der Use Specification über formative Tests bis zur summativen Evaluation.

Das Usability Engineering File: was hineingehört

Die Gebrauchstauglichkeitsakte (Usability Engineering File) bündelt die Nachweise des gesamten Prozesses. Sie ist kein eigenständiges Dokument, das am Ende geschrieben wird, sondern eine strukturierte Sammlung, die während der Entwicklung mitwächst. Pragmatisch gegliedert gehört hinein:

Die Use Specification mit Nutzergruppen, Nutzungsumgebung und Bedienszenarien. Die identifizierten gefährdungsbezogenen Nutzungsszenarien mit Verweis auf die Risikoakte. Die User Interface Specification und der Evaluationsplan. Die Ergebnisse aller formativen Evaluationen samt abgeleiteter Designänderungen. Der Bericht der summativen Evaluation mit Bewertung der Restrisiken.

Wer Vorlagen sucht, sollte sie als Gerüst verstehen, nicht als Formular: Der Inhalt entsteht aus echter Nutzerforschung und dokumentierten Designentscheidungen. Eine Akte, die nur Felder füllt, fällt bei Benannten Stellen auf und hilft dem Produkt nicht.

Wie Design und Usability Engineering ineinandergreifen

In unserem Entwicklungsprozess sind Usability Engineering und Gestaltung keine getrennten Disziplinen. Die Use Specification speist das Designbriefing, formative Tests bewerten reale Gestaltungsstände, und jede Designentscheidung mit Sicherheitsbezug wird so dokumentiert, dass sie direkt in die Gebrauchstauglichkeitsakte einfließt. Das verkürzt die Zulassung, weil keine Nachweise rekonstruiert werden müssen, sie sind bereits da.

Zwei Beispiele aus der Praxis: Beim Insufflator C3 für Wisap entstand die Bedienführung in enger Abstimmung mit klinischen Anwendern durch formative Usability-Tests; das Ergebnis reduziert Bedienfehler aktiv und besteht im klinischen Alltag. Beim Patientenpositionierungssystem ExacTrac Dynamic für Brainlab übersetzte das Systemdesign hochkomplexe Technologie in eine Formensprache, die auf die Arbeitsabläufe von medizinisch-technischem Personal abgestimmt ist.

Diese Verzahnung ist der Kern unseres Ansatzes im Medical Design: Gebrauchstauglichkeit ist eine Designaufgabe, keine Prüfaufgabe. Wie wir Medizinprodukte von der Strategie bis zur Serienreife entwickeln, zeigt unsere Übersichtsseite Medizintechnik Design.

Usability Engineering von Anfang an mitdenken

Sie entwickeln ein Medizinprodukt und wollen Gebrauchstauglichkeit, Design und Zulassung aus einem Guss? In einem kostenlosen Erstgespräch klären wir, wo der Prozess bei Ihnen den größten Hebel hat.

FAQ Usability Engineering für Medizinprodukte

Was ist Usability Engineering bei Medizinprodukten?

Usability Engineering ist der systematische Prozess, mit dem Hersteller sicherstellen, dass ein Medizinprodukt von den vorgesehenen Anwendern in der vorgesehenen Umgebung sicher und effektiv bedient werden kann. Er umfasst die Analyse von Nutzern und Nutzungskontext, die Ableitung von Anforderungen an die Benutzerschnittstelle sowie formative und summative Evaluationen mit echten Anwendern. Grundlage ist die Norm IEC 62366-1.

Was regelt die IEC 62366-1?

Die IEC 62366-1:2015 mit Änderung A1:2020 beschreibt die Anforderungen an den Usability-Engineering-Prozess für Medizinprodukte: von der Use Specification über die Identifikation gefährdungsbezogener Nutzungsszenarien und die Spezifikation der Benutzerschnittstelle bis zur Evaluation und Dokumentation in der Gebrauchstauglichkeitsakte. Sie verzahnt sich eng mit dem Risikomanagement nach ISO 14971.

Ist die IEC 62366 unter der MDR harmonisiert?

Das ist differenziert zu sehen. Die EN 62366-1 ist der anerkannte Stand der Technik für das Usability Engineering und die maßgebliche Norm, an der sich auch Benannte Stellen orientieren. Anders als die ISO 14971 (Risikomanagement) oder die ISO 13485 (Qualitätsmanagement) ist sie derzeit allerdings nicht durchgängig im EU-Amtsblatt als unter der MDR harmonisierte Norm gelistet. Ihre Anwendung begründet damit nicht automatisch die volle Konformitätsvermutung, bleibt aber der erwartete Stand der Technik. Zusätzlich enthalten MDR und IVDR einzelne Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit, die über die Norm hinausgehen. Hersteller sollten Norm und Verordnungstext daher gemeinsam betrachten.

Was ist eine Gebrauchstauglichkeitsakte?

Die Gebrauchstauglichkeitsakte (Usability Engineering File) ist die strukturierte Sammlung aller Nachweise des Usability-Engineering-Prozesses: Use Specification, gefährdungsbezogene Nutzungsszenarien, User Interface Specification, Evaluationsplan sowie die Ergebnisse formativer und summativer Evaluationen. Sie ist Bestandteil der technischen Dokumentation und wird im Konformitätsbewertungsverfahren geprüft.

Wie viele Probanden braucht eine summative Evaluation?

Die FDA-Guidance empfiehlt mindestens 15 Probanden pro eigenständiger Nutzergruppe. Bedient ein Produkt mehrere Nutzergruppen mit unterschiedlichen Aufgaben, gilt die Zahl je Gruppe. Formative Evaluationen während der Entwicklung kommen mit deutlich kleineren Stichproben aus, typischerweise fünf bis acht Teilnehmende pro Iteration.

Wann sollte Usability Engineering im Projekt starten?

Zum Projektstart. Die Use Specification gehört an den Anfang der Entwicklung, weil sie Designbriefing, Risikoanalyse und Evaluationsplanung speist. Wer Usability Engineering erst vor der Zulassung beginnt, muss Nachweise rekonstruieren und riskiert teure Designänderungen an einem fertig entwickelten Produkt.

Über den Autor

Stefan Eckstein ist Gründer und Geschäftsführer von Eckstein Design. Er leitete die Entwicklung des VDID Codex, des Berufskodex der deutschen Industriedesigner, und entwickelt mit seinem Team seit über 20 Jahren Medizinprodukte von der Strategie bis zur Serienreife.

Teil unseres Wissens-Hubs: Medical Usability und Regulation

Dieser Praxisguide ist der Auftakt einer Beitragsreihe, in der wir die Gebrauchstauglichkeit von Medizinprodukten Schritt für Schritt aufschlüsseln: von der IEC 62366-1 über formative und summative Evaluation bis zu Human Factors. Die Reihe richtet sich an Entwicklungsleiter und Produktmanager, die Usability Engineering nicht nur bestehen, sondern als Designvorteil nutzen wollen.

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